Region
10.11.2020
Von Kugelschreibern und Kartoffen
Auch Groß-Bieberau hat jetzt einen Hörweg mit aktuell acht Stationen / Projekt von Stadtarchiv und HDA

Von Isabel Hahn

GROß-BIEBERAU . Die Vögel zwitschern, der Ausblick über die tiefer gelegenen Häuser ist friedlich – und eine Stimme sagt: „Denk mal drüber nach, was geschehen ist!“ Im Rücken steht mahnend ein dunkelgrauer Turm mit Kuppeldach, ein acht Meter hohes Holzkreuz erinnert an Kriegsgefallene und aus ihrer Heimat Vertriebene.

Die Stimme, die einen nachdenklich über die Gründe für die beiden Denkmäler machen soll, gehört Groß-Bieberaus Stadtarchivar Georg Krell und sie kommt aus den am Smartphone angeschlossenen Kopfhörern. Krell ist ein Mitwirkender des neuen Hörwegs im Ort – ein Weg mit aktuell acht Stationen, der die Stadtgeschichte lebendig werden lassen will. Ein letzter Check-Up, ob alles gut zu hören ist.

„Wo ist bloß der Biber?“ Produktionsleiterin Natascha Rehberg steht vor der evangelischen Kirche und guckt sich suchend um. Hier am Zaun hängt die Infotafel zum Audio-Erlebnis, die zeigt, wo in etwa die einzelnen, voneinander unabhängigen Stationen liegen und wie das Ganze funktioniert. Man braucht nur sein Smartphone und muss keine App herunterladen. Lediglich im Browser die Webseite hoerweg-gross-bieberau.de öffnen, den an der Station abgebildeten QR-Code einscannen oder die angegebene Nummer eintippen – und schon geht’s los mit den maximal vierminütigen Hörstücken. Aber wo ist er denn nun, der Biber, der als Namensgeber der Stadt genau diese Infos für die Station „Stadtgeschichten“ preisgeben soll?

Natascha Rehberg vom Fachbereich Media der Hochschule Darmstadt hat über Monate hinweg mit dem Stadtarchiv und einer Studentengruppe an dem Hörprojekt gearbeitet. Die historischen Besonderheiten der Kleinstadt wurden auf den Punkt gebracht und akustisch in Szene gesetzt. Programmierer Robert Loew hat die Ideen dann zur Web-App umgesetzt. „Die läuft immer“, sagt er – unabhängig davon, was sich irgendein Smartphone-Hersteller in Zukunft einfallen lasse. Im Gegensatz zu einer echten App, die im besten Fall offline arbeiten kann, benötige man so allerdings online Datenübertragung. Oder aber man lade die Webseite schon zuhause auf den Handybrowser.

Das Schild des Bibers sollte eigentlich am Rathaus hängen. Ist es zu seinen Kollegen aus Bronze auf den Biberplatz beim Bürgerzentrum abgewandert? Dort, wo es sein soll, ist dafür das mit der Aufschrift „Präzisionsarbeit“, nämlich bei der Firma Senator. Kugelschreiber sind das Thema. Über eine Million werden täglich in Groß-Bieberau produziert. Aus den Anfangsjahren erzählen die Stimmen der App. Auch wie die Tintenflüssigkeit in die Kugel an der Spitze kommt. Und dann ist man in Groß-Bieberau ja „auf die Kartoffel gekommen“, wie an dieser Station ebenfalls zu erfahren ist. Die Sorte „Ackersegen“ wurde 1929 von Georg Friedrich Böhm in Groß-Bieberau gezüchtet. Die Knolle linderte die Hungerszeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Und „Bieberauer Dunges“ – Pellkartoffeln mit einer Kräuter-Essig-Tunke – brachte im 30-jährigen Krieg die Menschen wieder zu Kräften.

Zurück zum Biber. Vielleicht steckt er im eingezäunten Garten der evangelischen Kirche mitsamt den Stationen „Friedenslinde“ und „Lebensraum Kirchturm“. Ein Scherzbold hatte ab- und das Geheimnis eingeschlossen. Ab heute ist hoffentlich offen. Und in den nächsten Wochen kommen noch zwei weitere Stationen hinzu.