Region
07.11.2020
Geschichten aus dem Hexennest
„Alles was Recht ist“: Auf digitaler Hörtour durch Schaafheim / Kooperation von Heimatverein und Hochschule

Von Isabel Hahn

SCHAAFHEIM . Es dämmert und ist still in den Gassen Schaafheims. Hexen und teuflische Zauberer kamen an den Galgen an der alten Straße nach Babenhausen. Zwischen 1523 und 1753 war das. Die kleine Gemeinde war in der Nachbarschaft als Hexennest bekannt, sagt eine tiefe Stimme aus dem Nichts – oder, besser gesagt, aus den Kopfhörern an der Ecke Wilhelm-Leuschner-Straße und Rathausgasse. Dort, wo alte Eisen für Hals, Hände und Füße von früherer Rechtsprechung wegen kleinerer Vergehen wie ein erster Diebstahl, Beleidigungen oder Unzucht zeugen, ist eine Station des neuen Hörwegs durch den historischen Ortskern Schaafheims angebracht. „Alles, was Recht ist“, lautet ihr Titel.

Zehn Stationen gibt es, jede kann völlig unabhängig von den anderen gehört werden, tagsüber, aber natürlich auch im Dunkeln, wenn die Alltagsgeräusche um einen herum langsam verstummen. Die Technik ist einfach. Man braucht nur sein Smartphone und muss keine App herunterladen. Einfach nur im Browser die Webseite hoerweg-schaafheim.de öffnen, den an der Station abgebildeten QR-Code einscannen oder die angegebene Nummer eintippen – und schon erklingen Geschichten aus alter Zeit: Brotgeknusper am ehemaligen Backes, dem öffentlichen Backhaus aus dem 16. Jahrhundert, Wissenswertes über Wein, Milch und andere Schätze an der alten Molkerei in der Lindenstraße, oder etwas über große Begehrlichkeiten bei der Ortsmauer Ecke Friedrich-Ebert-Straße und Mosbacher Straße. Am Marktkreuz hinter dem Rathaus erklärt eine Infotafel genau, wie es geht.

Was ist der Sinn hinter dem Ganzen? „Akustisch wahrnehmen, was visuell nicht mehr zugänglich ist“, erklärt Sabine Breitsameter, Professorin für Sound und Medienkultur an der Hochschule Darmstadt. Studenten der Internationalen Medienkultur, die Produktionsleiterin Natascha Rehberg sowie der Heimat- und Geschichtsverein der Gemeinde haben dies umgesetzt. Ein gutes Jahr wurden Archive durchforstet, Interviews mit Schaafheimern und auch die typischen Geräusche aufgezeichnet, die Software programmiert und schließlich die Vergangenheit des Ortes in zehn maximal vierminütigen Hörstücken wiedergegeben. Die tiefe Stimme, die an der „Recht“-Station über Pranger und peinliche Befragungen erzählt, gehört Eicke Meyer. Meyer gründete 1998 den geschichtsträchtigen Verein und war 16 Jahre lang Vorsitzender. Jetzt spricht er neben der bekannten Schauspielerin Friederike Ott („Ein Fall für zwei“) und dem Newcomer Josia Krug.

„Wir wollen auch die junge Generation erreichen“, sagt Sabine Breitsameter. 17 600 Euro hat die Hörreise gekostet, finanziert wurde sie über unterschiedliche Förderungen und Spenden. Die Professorin betont die „mal sinnvolle“ Nutzung der digitalisierten Gesellschaft, die so Altes und Neues zusammenbringt statt zu trennen. Das schafft zum Beispiel das Scheffemerische Geschwätz an der Station „Mund-Art“. Obwohl der Dialekt vor ein paar Jahrhunderten noch anders klang, sein melodisches „Ou“ hat nicht an Bedeutung verloren, „Ouwerohr“ für Hochdeutsch Ofenrohr muss babbeln können, wer echter Scheffemer ist, meint die Browser-App. Und dann geht’s im mittlerweile Stockdunklen die verwinkelten Stufen hoch zur alten Kapelle. 200 Jahre lang war sie Abstellkammer für Leichen und Friedhofswerkzeug, ist da zu hören. Gruselig.