Region
13.06.2020
Am Wegesrand
Die Bürgerinitiative Pro Walderhalt bemängelt, dass in Darmstadt-Dieburg zu viel gesundes Holz geschlagen werde – wo doch genügend Schadholz vorhanden sei

Von Matthias Voigt

Nicht das Klima allein ist schuld am Waldsterben. Sondern auch die falsche Bewirtschaftung des Waldes trägt zu dessen Schädigung bei. Dieser Ansicht ist Karin Mühlenbock aus Mühltal. Und mit dieser Meinung steht sie nicht alleine da. Kritiker der aktuellen Waldbewirtschaftung haben sich seit dem Jahr 2004 in der Bürgerinitiative (BI) Pro Walderhalt zusammengeschlossen, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Mittlerweile gehören ihr etwa 30 Mitglieder an, davon bringt sich gut die Hälfte aktiv ein. Die Mitglieder wohnen zumeist in Mühltal und den umliegenden Gemeinden und Städten.

Im Kern monieren sie: Derzeit führe der Landesbetrieb Hessen-Forst in den Wäldern von Darmstadt und Darmstadt-Dieburg Vorgaben aus, die dem Wald schadeten. Das Bäumesterben, das an vielen Stellen zu sehen ist, sei auch der Übernutzung des Forsts geschuldet. Die BI will eine Reihe von grundsätzlichen Fehlern ausgemacht haben: zu starke Ausdünnung durch übergroßen Holzeinschlag, rabiate Ernte durch Harvester, fehlende Altersdurchmischung der Bäume, zu viele Rückegassen.

Zum Auftakt unserer Serie „Waldeslust, Waldesfrust“ soll an dieser Stelle der Vorwurf des zu starken Holzeinschlags von anscheinend gesunden Bäumen aufgegriffen werden. Dazu steigen wir aufs Rad und begleiten Karin Mühlenbock, die uns Beispiele falscher Bewirtschaftung zeigen will.

Wir treffen uns auf dem kleinen Parkplatz gegenüber der Villa Trautheim, direkt am Waldrand, dort, wo die B 449 aus Darmstadt gerade das Mühltaler Ortsschild passiert hat. Mit dem E-Bike fährt Karin Mühlenbock den Papiermüllerweg entlang, der am westlichen Rand von Trautheim verläuft, einige Meter im Wald, parallel zur Wohnbebauung. Nach wenigen Metern tritt sie unvermittelt auf die Bremse und steigt vom Rad. „Das ist doch eine Sünde“, sagt sie und schaut neben sich. Dort liegt ein etwa zehn Meter langer Stamm, zu beiden Seiten gerade abgeschnitten. Der Rinde nach eine Eiche. „Eigentlich müsste solch ein Baum ein Naturdenkmal sein“, sagt Mühlenbock. „Den hätte man doch nicht fällen dürfen.“

Weiter geht es en Velo, den Waldweg entlang. Dicht am Rand sprießt das Grün, hüfthoch wachsen Gräser, Büsche und Sträucher. Doch der Eindruck eines vitalen, saftig grünen Ökosystems täusche nur über den wahren Zustand des Waldes an dieser Stelle hinweg, meint Mühlenbock. Mittlerweile liegen etwa eineinhalb Kilometer hinter uns. Schaut man einige Meter tiefer hinein in den Wald, erkennt man auch schon eine weitere Lücke. Dort, wo sowieso nur noch einzelne Buchen hoch aufragen und ansonsten niedrige Bäume um Wachstum ringen, entdeckt die Mühltalerin einen Baumstumpf. „Schauen Sie sich solch einen dicken Buchenstamm an, der ist vor noch nicht allzu langer Zeit geschlagen worden. Das tut weh.“ Es handele sich keinesfalls um einen geschwächten Baum, sondern um gesundes Holz. Tatsächlich ist auch kein Schleimfluss zu erkennen, der auf eine Krankheit hindeuten könnte. „Es stimmt also nicht, dass Hessen-Forst nur Schadholz aus dem Wald holt. Sie fällen auch gesundes Holz“, meint Mühlenbock, bevor wir wieder auf die Räder steigen und umkehren.

Nachgefragt bei Hartmut Müller. „Ja, wir ernten noch Holz“, sagt der Leiter des Forstamts Darmstadt, dessen Mitarbeiter nicht nur den Staatswald bewirtschaften, sondern auch den Kommunalwald der westlichen Kommunen im Landkreis Darmstadt-Dieburg. „Aber dies geschieht zur Verkehrssicherung an Wegen.“ Und zwar auf einem Streifen von 30 Metern Breite zu beiden Seiten des Weges. Nötig sei das Fällen der Bäume, wenn deren Kronen abgestorben seien und drohten, herunterzufallen. „Dem Stamm sieht man das oft nicht an.“ Er sei auch durchaus noch nutzbar.

Außerdem gebe es noch einen weiteren Fall der Holzernte: Gerade in jungen Waldbeständen werde anfangs noch ausgedünnt. Zu Beginn fänden sich auf der gleichen Fläche mehrere Tausend Bäume, wo später nur noch einhundert übrig blieben. „Es handelt sich dabei um eine sukzessive Entnahme, um die vitalsten Bäume zu sichern“, sagt Hartmut Müller.

Generell gelte der Grundsatz: „Wir wollen nur das ernten, was ohnehin abstirbt.“ Und speziell für den Staatswald laute das Motto: „Dort erntet Hessen Forst nur sehr wenig Holz und der Schwerpunkt liegt dabei auf geschädigten Bäumen, die noch nutzbar sind.“

SIE SIND GEFRAGT!

Ob zum Joggen, Fahrradfahren, Gassigehen, für einen Spaziergang oder zur Beobachtung der Tier- und Pflanzenwelt: Der Wald in Darmstadt-Dieburg wird von vielen Bürgern genutzt. Dabei gibt es so manche Begebenheit, die einem links und rechts des Weges auffällt, und der man gerne auf den Grund gehen würde. Warum sind plötzlich Wege gesperrt, in welchen Abständen sind Rückegassen erlaubt – und wieso tun sich an manchen Stellen im Baumbestand so große Lücken auf?

Ob nun berechtigte Kritik oder vorschnelle Verurteilung der Waldbewirtschaftung: Wir gehen den Fragen auf den Grund. Wer entsprechende Beobachtungen im Wald macht und sich Aufklärung erhofft, kann sich per E-Mail an das Echo wenden unter darmstaedter-echo-kreis@vrm.de . In einer Serie wollen wir ausgewählten Themen nachgehen. (mv)